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Editorial

Ein Bus wird kommen. Oder auch nicht.

von Mario Kunzendorf

27.5.2026

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Leserinnen und Leser,

in der Europäischen Union hat man den Omnibus entdeckt. In Brüssel vergeht derzeit kaum ein Gesprächstermin, ohne dass Politiker darüber sprechen und vermitteln wollen, dass alles schneller und unkomplizierter werden soll. Meist nehmen sie auf jenen Omnibus Bezug, der im Dezember 2025 mit Gesetzesbündeln im Gepäck – betitelt Lieferkette bis Entwaldung – vom Europaparlament auf den Weg gebracht wurde, um alles an einen Zielort namens Aufschub zu bringen. In Aufschub ist man vor neuen Wettbewerbslasten und Bürokratiepflichten geschützt. Zumindest eine Zeit lang, heißt es.

Inzwischen gibt es zehn solcher Omnibus genannten Sammeltransporte für Gesetze zu Themen wie Digitalisierung, Energie, Gebäudeeffizienz, Umwelt, Finanzen oder Unternehmensrecht. Ihr Ziel steht fest: Vereinfachung von Vorschriften, um wettbewerbsfähiger zu werden. Ihre Abfahrtszeiten aber sind unklar, was an einer Besonderheit Brüsseler Busse liegt: Denn hier steigen zunächst nicht Gäste, aber dafür erstmal 27 Fahrer ein, die den besten Weg in die Zukunft diskutieren – der jedoch von ihren 27 Regierungschefs zuvor teils diametral entgegengesetzt definiert worden ist. Das kann dauern. Als Kompromiss fährt man dann vielleicht erst mal wieder nach Aufschub.

Es ist, zugegeben, wohlfeil, über die Europäische Union und ihre Probleme mit dem Vorwärtskommen zu lästern. Und wenn man vergleicht, wie leichtfertig und hirnlos anderswo Golfclub-Könige Irrsinn und Leid über die Welt bringen, muss man um unsere demokratischen Repräsentanten wieder froh sein. Sie machen oft nicht schnell, aber halt auch nicht so schnell absurden tödlichen Blödsinn. Was sich in Washington weiterentwickelt, weiß niemand. Aber bezogen auf die intellektuelle Evolution kann man wissenschaftlich fundiert feststellen: Im Weißen Haus sitzt der lebende Beweis, dass Mensch und Banane vor 800 Millionen Jahren noch einen gemeinsamen Vorfahren hatten. 

Jetzt könnte man natürlich weiter relativieren: Im Nahen Osten sterben Menschen im Bombenhagel, während bei uns nur der Betriebsfrieden gestört ist – weil Materialpreise raketenhaft steigen und Auftragskalkulationen untergehen. Das ist aber zu kurz gegriffen. Denn eher nicht ums nackte Überleben, aber um wirtschaftliche Existenzen geht es auch bei uns sehr wohl. Umso schlimmer ist, dass für laufende Projekte außer Hamsterkäufen nichts bleibt und für kommende Projekte nach Rücksprache mit dem Rechtsbeistand des Landesverbands leider nicht viel mehr. Anders ausgedrückt: Gleitklauseln heißen wohl so, weil sie griffig sind wie ein Stück nasse Seife.

Übrigens: Das gilt mindestens in Teilen ebenso für unseren Tarifpartner. Nachdem im Sommer 2025 nach Jahren der Debatte endlich Einigung darüber erzielt worden war, eine gemeinsame digitale Ausbildungsplattform finanziert aus der SOKA-DACH zu schaffen, hat die IG BAU aktuell alles wieder auf Null gestellt. Weitere Ausflüge nach Aufschub soll es nun indes nicht mehr geben. 

Der Berufsbildungsausschuss hat beschlossen, die Ausbildungsplattform mit dem ZVDH als alleinigem Betreiber aus eigener Kraft zu schaffen. Denn es ergibt nebenbei ja keinen Sinn, wenn Verband und Ehrenamt sich wieder vorbildlich bei den Berufsmessen in Nürnberg und München für die Nachwuchswerbung engagieren, während der Tarifpartner zukunftsweisende Hilfen blockiert. Und warum? Weil er zweckgebundene Gelder für Auszubildende für Fortbildungen von Altgesellen zweckentfremden will. Das ist, gutachterlich bestätigt, rechtlich nicht möglich. Das Traurige: Der jahrelange Stillstand hat Zeit und Geld vernichtet. Wieviel exakt, lässt sich nicht leicht beziffern. Aber für den Kauf eines Omnibusses hätte es locker gereicht. Tja, da muss man fast selbstkritisch wieder auf die EU sehen. Da hat man die neuen Busse wenigstens schon stehen.

Mario Kunzendorf
Landesinnungsmeister