Fachkräfte aus dem Ausland als Chance für das Dachdeckerhandwerk
von Thorsten Meyerhöfer und Harald Friedrich
27.5.2026

In der aktuellen Konjunkturumfrage des LIV Bayern wurde nachgefragt, ob Betriebe zur Anwerbung von Auszubildenden oder Fachkräften aus dem Ausland bereit wären – auch wenn dies zusätzlichen Aufwand und Kosten verursacht.
So würde Aufwand für die Hilfe bei der Wohnungssuche für diese Auszubildenden entstehen. Und auch Vermittlungsgebühren wären fällig.
Von den 37 Betrieben, die diese Frage beantworteten (ca. 9 % Beteiligung aller Innungsmitglieder) sagten 33 „nein“. Nur 3 wären bereit dazu („ja, für Fachkräfte“) und nur ein einziger Betrieb antwortete mit „ja, für beides“.
Dies wird vom LIV Bayern aber nicht als Ablehnung, sondern als hoher Informations- und Aufklärungsbedarf interpretiert. Aus zahlreichen Anfragen und Gesprächen in der Betriebsberatung ist grundsätzlich großes Interesse an der Beschäftigung ausländischer Fachkräfte zu erkennen.
Der Fachkräftemangel ist eines der größten Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt. In vielen Branchen wird es zunehmend schwieriger, offene Stellen zu besetzen oder genügend Nachwuchs für Ausbildungsplätze zu finden. Ein Grund dafür ist der demografische Wandel: In den kommenden Jahren gehen viele Beschäftigte in Rente, während weniger junge Menschen nachrücken (ZDH, 2024).
Auch wenn im Dachdeckerhandwerk derzeit noch viele Ausbildungsplätze besetzt werden, zeigen langfristige Trends bereits, dass der Fachkräftemangel auch hier ankommen wird.
Deshalb wird es für die Betriebe immer wichtiger, vorausschauend zu planen. Neben der Ausbildung wird so auch die Rekrutierung von Fachkräften und Auszubildenden aus dem Ausland zunehmend interessanter.
Die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte ist inzwischen ein fester Bestandteil der Arbeitsmarktpolitik. Neben bereits ausgebildeten Fachkräften können auch junge Menschen aus dem Ausland eine Ausbildung in Deutschland beginnen. Die Azubis durchlaufen dabei die reguläre duale Ausbildung. Nach erfolgreichem Ausbildungsabschluss können sie oft direkt im Betrieb weiterarbeiten. Für Dachdeckerbetriebe bedeutet das: Nachwuchs kann frühzeitig an das eigene Unternehmen gebunden werden.
Verschiedene Programme unterstützen Unternehmen dabei, diesen Weg zu gehen. Sie helfen bei der gezielten Auswahl, bei den Einreiseformalitäten, der schnellen Integration und bei organisatorischen Fragen.
Wer aus einem Drittstaat (also einem Staat außerhalb der EU) nach Deutschland kommt, um eine Ausbildung zu machen, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen:
• ein gültiger Ausbildungsvertrag mit einem deutschen Betrieb muss vorgelegt werden;
• Deutschkenntnisse, meist mindestens auf B1-Niveau, müssen vorhanden sein;
• ein gesicherter Lebensunterhalt während der Ausbildung muss nachgewiesen werden;
• Visum bzw. Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis müssen vorliegen.
Zusätzlich ist eine zügige Integration wichtig. Unternehmen unterstützen ihre Auszubildenden häufig bei Behördengängen, bei der Suche nach einem auch finanziell passenden Wohnraum oder anderen organisatorischen Fragen.
Ebenso muss die Kommunikation im Betrieb funktionieren: Arbeitsanweisungen müssen klar verstanden werden, und der Austausch im Team sollte gut laufen.
Viele angebotene Programme verbinden die Ausbildung deshalb mit Sprachkursen und entsprechenden Vorbereitungskursen.
Um Unternehmen bei der internationalen Rekrutierung zu unterstützen, gibt es verschiedene staatliche Programme und Initiativen. Deren Ziel ist es, Betrieben den Zugang zu internationalen Fachkräften zu erleichtern und gleichzeitig die organisatorischen und rechtlichen Hürden zu reduzieren.
Ein Beispiel ist das Förderprogramm „IQ – Integration durch Qualifizierung“, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus finanziert wird. Mit diesem Programm soll die Integration internationaler Fachkräfte in den deutschen Arbeitsmarkt verbessert werden.
Interessierte Unternehmen können hier entsprechende Beratungsangebote nutzen – etwa zu rechtlichen Rahmenbedingungen, zu Anerkennungsverfahren oder zur Integration im Betrieb.
Das Projekt „WiA – Willkommen internationale Arbeitskraft“, wird im Rahmen des IQ-Programms umgesetzt. Es richtet sich speziell an Betriebe, die internationale Fachkräfte einstellen möchten.
Diese Betriebe erhalten hier Informationen und Beratung zu Einwanderungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten sowie umfangreiche Unterstützung bei organisatorischen Fragen.
Darüber hinaus gibt es Programme der Bundesagentur für Arbeit, regionaler Arbeitsagenturen, Handwerkskammern u. v. m.
Sie vermitteln gezielt internationale Nachwuchskräfte für eine Ausbildung in Deutschland. Dabei arbeiten die Anbieter mit Partnerorganisationen in verschiedenen Herkunftsländern zusammen.
Bewerberinnen und Bewerber werden bereits im Vorfeld ausgewählt, sprachlich vorbereitet und über die Anforderungen einer Ausbildung in Deutschland intensiv und objektiv informiert.
Diese Programme begleiten die Betriebe ebenso wie die internationalen Auszubildenden während des gesamten Prozesses und erleichtern ihren Einstieg in Ausbildung und Arbeitsalltag.
Neben staatlichen Initiativen gibt es auch freie Bildungs- und Projektträger, die Unternehmen bei der internationalen Rekrutierung unterstützen. Dazu gehört beispielsweise die bbw – Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft GmbH, die als gemeinnütziger Bildungsträger verschiedene arbeitsmarktpolitische Projekte umsetzt.
Solche Organisationen arbeiten häufig im Auftrag oder mit Förderung von Bund, Ländern oder europäischen Programmen. Sie unterstützen Betriebe zum Beispiel bei der Suche nach geeigneten Kandidaten im Ausland, bei der Organisation von Sprachkursen oder bei der Vorbereitung der Einreise nach Deutschland.
Für die arbeitgebenden oder ausbildenden Betriebe kann dies eine spürbare Entlastung bedeuten, da viele organisatorische Aufgaben für sie übernommen und sie damit entlastet werden.
Allerdings entstehen hierfür zusätzliche Kosten. Neben den üblichen Ausgaben wie für Flugtickets, Ausbildungsvergütung oder Sprachkurse kommen oft noch Vermittlungsgebühren hinzu. Zum Beispiel berechnet bbw international rund 2.800 € pro vermitteltem Azubi, zuzüglich der Flugkosten.
Insgesamt können strukturierte Rekrutierungsprogramme für Unternehmen viele Vorteile bieten. Natürlich ist es grundsätzlich möglich, eigenhändig im Ausland nach Fachkräften oder Auszubildenden zu suchen. In der Praxis entscheiden sich jedoch viele Betriebe bewusst für organisierte Programme oder professionelle Vermittlungsangebote. Ein wichtiger Grund dafür ist die größere Planungssicherheit. In vielen Programmen werden Bewerberinnen und Bewerber bereits im Herkunftsland ausgewählt, sprachlich vorbereitet und über die Anforderungen einer Ausbildung in Deutschland informiert. Dadurch steigen die Chancen, dass die Ausbildung erfolgreich verläuft.
Gleichzeitig lässt sich damit auch das Risiko für Betriebe reduzieren. Ohne eine professionelle Begleitung kann es vorkommen, dass Auszubildende den Ausbildungsplatz zunächst nur als Zwischenstation betrachten und dann den Betrieb, die Ausbildung oder gar den gesamten deutschen Arbeitsmarkt frühzeitig verlassen.
Für Unternehmen kann das bedeuten, dass ihr gesamter Aufwand vergeblich gewesen wäre.
Strukturierte Programme sorgen für rechtliche Sicherheit, denn die Verträge, Ausbildungsbedingungen und Vergütung entsprechen den deutschen gesetzlichen Vorgaben und der gesamte Ablauf ist transparent organisiert.
Darüber hinaus unterstützen viele Programme sowohl die Betriebe als auch die internationalen Auszubildenden bei der Integration. So etwa durch Hilfe bei Behördengängen, Sprachkursen oder Mentoring-Angeboten.
Die Rekrutierung von Fachkräften und Auszubildenden aus dem Ausland ist kein kurzfristiger Trend, sondern eine langfristige Strategie. Dachdeckerbetrieben kann sie helfen, sich frühzeitig auf zukünftige Entwicklungen am Arbeitsmarkt einzustellen und zu reagieren.
Mit Blick auf den demografischen Wandel ist eine vorausschauende Personalplanung entscheidend für die Zukunft des einzelnen Betriebs und des Handwerks allgemein. Die Gewinnung von internationalen Fachkräften und Auszubildenden sind dabei eine wertvolle Ergänzung zu den klassischen Nachwuchsmaßnahmen im Inland, jedoch kein Ersatz hierfür.
Mit einem Klick
Hier die wichtigsten Links zu ausführlichen Informationen zum Thema:
• RINWA: WiA: https://www.wifo-passau.de/projekte/wia/
• bbw international: https://www.bbw-international.com (siehe auch QR-Code linke Seite)
• Agentur für Arbeit "APAL": https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/zav/personal-aus-dem-ausland/handwerk-technik-baugewerbe/apal-gewerblich-technisch
• Agentur für Arbeit "Auszubildende aus Kirgistan": https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/schwandorf/incoming-projekt-mit-der-republik-kirgistan

