Kontakt per E-Mail
Editorial

Falten oder nicht falten, das ist die Frage

von Mario Kunzendorf

6.8.2026

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserinnen und Leser,

extrem lustige Zeitgenossen zitieren immer wieder gerne diesen Kalauer: Wer bin ich und, wenn ja, wie viele? Endlich hat diese Frage eine rechtsverbindliche Heimat gefunden: die neue Verpackungsverordnung.

Ab 12. August darf jeder Wirtschaftsbeteiligte in der EU darüber nachdenken, wer und wie viele er ist, wenn er eine Verpackung in Händen hält. Hersteller, Erzeuger, Importeur, Vertreiber, Endabnehmer – jeder kann eines davon sein oder alles zusammen. Und bei der nächsten Verpackung ist alles wieder anders, natürlich.

Ein Sachverständiger der „Zentralen Stelle Verpackungsregister“ sagt: Die Verordnung „bereitet uns allen sehr viel Kopfzerbrechen, sie ist sehr schwer zu verstehen“. Das ist sehr höflich untertrieben. Hehres Ziel des Regelwerks ist, für weniger Abfall und mehr Recycling zu sorgen. Die EU will keine Müllexporte etwa nach Afrika mehr sehen. Die neue Destination heißt Absurdistan. Wer sich jetzt fragt, wo das liegt, hat den ersten Teil des Problems schon erkannt.

Im zweiten Teil geht es um die Details. Ein Beispiel: In einer „Experten-Anhörung“ entspannt sich aktuell die Diskussion, ob eine neue, noch nicht gefaltete Faltschachtel eine fertige Versandverpackung ist und ihr Erzeuger für Registrierung, Konformität und Gebühren für dieses Werk aufkommen muss, obwohl später anonyme Dritte absichtlich in die Lieferkette grätschen, die Schachtel kaufen und vorsätzlich falten. Wow, das ist mal eine Eskalation. Denn nur Laien und Schachteln mag Falten als bestimmungsgemäßer Eingriff erscheinen. Aus Sicht der Behörden muss das erst international verhandelt werden. Deutsche Fachgremien haben dabei die Basistheorie entwickelt, dass eine nackte Faltschachtel eine fertige Faltschachtel ist, ob gefaltet oder nicht gefaltet. Aber: Wenn „andere Bestandteile“ hinzu kommen wie Klebeband, Aufkleber und so verrücktes Zeug, stelle sich die Schachtelfrage wieder völlig anders. Nur wie?

Nun, vorstellbar scheint an dieser Stelle, dass nicht alle Unternehmen die europäischen Schachtelmeisterschaften so gebannt gespannt verfolgen wie die zuständigen Behörden. Dennoch kommt leider niemand an dem Thema vorbei. Wo und wie die Dachdecker betroffen sind, haben wir im jüngsten Online-Stammtisch beleuchtet. Diese Webinar-Reihe, in der Regel am ersten Mittwoch eines Monats, hat der Landesverband Hessen geschaffen. Bayern unterstützt das Format seit Anfang Juli, im September wird voraussichtlich der Landesverband Rheinland-Pfalz hinzustoßen. Drei Verbände teilen hier ihre Expertise mit sich und ihren Betrieben. Ein gutes, für Innungsmitglieder kostenfreies Angebot.

Ein ausgezeichnetes Angebot hat die Innung Mittelfranken ihren Gästen beim Landesverbandstag unterbreitet. Schöner Ort, schöne Programme, schöne Schifffahrt. Nach den Schlagzeilen im Vorjahr zum Thema bissige Monster-Waller waren allenfalls die Erwartungen an den Fischbesatz zu hoch gesteckt. Die Fische blieben unauffällig, teils deutlich größere Wesen wälzten sich an den Stränden rund um beide Brombachseen. Vermutlich war das nicht gemeint, als die Innung Aschaffenburg-Miltenberg bei der Einladung zum Verbandstag 2027 an den Niedernberger See darauf verwies, dass an ihrem Gewässer alles etwas kleiner ausfällt. Doch sicher ist das nicht: Die Aschaffenburger bauen ja auch ein Haus aus Pompeji nach, um ihre Stadt dann Nizza zu nennen und machen aus der Pizza eine Brizza. Ob in der Aschaffenburger Ausgabe von Ovids Metamorphosen schon gedichtet steht, wie sich der Gemütszustand eines Pizza-Brizza-Kartons beim Falten verändert, ist noch unklar.

Mario Kunzendorf

Landesinnungsmeister

Falten oder nicht falten, das ist die Frage | BayernDach-Magazin