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Ist nachweisfrei doch nicht nachweisfrei?

von Jörg Rößler

10.8.2026

Als das Merkblatt Wärmeschutz bei Dach und Wand (herausgegeben vom ZVDH) im April 2024 in aktualisierter Version erschien, wurde es von den Dachdeckern sehr positiv aufgenommen.

Grundlage für das Merkblatt sind die in Bayern baurechtlich eingeführten Normen DIN 68800 Teile 1 und 2 und DIN 4108 Teil 3. Bei tragenden Bauteilen aus Holz oder Holzwerkstoffen ist der Feuchteschutz nach diesen Normen zu berücksichtigen. Als Hilfe für den Dachhandwerker wurden die wichtigen Informationen aus o. g. Normen im Merkblatt Wärmeschutz bei Dach und Wand zusammengestellt.

Die DIN 4108-3 beschreibt nicht belüftete Dächer, die „keines rechnerischen Nachweises“ bedürfen. Als „nachweisfrei“ gelten Konstruktionen, für die kein Nachweis nach Periodenbilanzsystem (Glaserverfahren) oder durch hygrothermische Simulation geführt werden muss.

Das Merkblatt führt im Kapitel 7 verschiedene „Nachweisfreie Dächer“ auf. Dabei wurden Musteraufbauten des Normenwerkes übernommen und exemplarisch gerechnet. Die Abbildungen haben jeweils einen grünen, gelben oder roten Button. Mit diesem Button wird angezeigt, ob die Konstruktion nach hygrothermischer Simulation bauphysikalisch unbedenklich, kritisch oder gefährlich ist.

Ziel des Merkblattes ist, dem ausführenden Dachdecker ein praktikables Hilfsmittel zum Nachweis des Feuchtigkeitsschutzes an die Hand zu geben.

Um unter den 36 nachweisfreien Musteraufbauten die richtige Konstruktion auszuwählen, wurde in der digitalen Ausgabe des Regelwerkes des ZVDH (ab Version 8.1) die Navigationshilfe „Nachweisfreie Konstruktionen“ eingeführt. Die Anwenderhilfe führt schnell und sicher zum passenden Dachaufbau.

Als Ergebnis erhält der Anwender eine Vorlage für eine nachweisfreie Konstruktion. Eine Abbildung macht den schematischen Aufbau deutlich. Die angegebenen Parameter sind zwingend einzuhalten, damit der Aufbau als nachweisfrei gilt.

Hier entsteht ein Problem:

Bedeutet „nachweisfreie Konstruktion“ tatsächlich, dass über die Abbildungen aus dem Merkblatt hinaus keine Berechnung und keine weiteren Überlegungen mehr angestellt werden müssen? NEIN!

Um die Abbildungen nutzen zu können, werden grundlegende bauphysikalische Berechnungen und Materialkennwerte vorausgesetzt. Der Anwender muss ermittelte Werte – insbesondere Wärme- und Dampfdiffusionsströme – rechnerisch nachvollziehen, Materialeigenschaften interpretieren und Grenzwerte prüfen. Viele wichtige Informationen, deren Bezug zum Dachaufbau herzustellen ist, findet der Anwender nur im Fließtext.

Beispielsweise sind Informationen zum Mindestwärmeschutz und der damit verbundenen Gefahr der Schimmelpilzbildung im Textteil des Kapitels 5 zu finden, während in der personalisierbaren Abbildung nur recht allgemeine Angaben zur Wärmedämmung vorhanden sind. In Kapitel 6 wird davor gewarnt, Holz, OSB, Spanplatten oder organische Dämmungen nicht zwischen Schichten mit einem sd-Wert > 2,00 m einzubauen.

Flachdächer oder Dächer mit Metalldeckungen in Holzbauweise mit Wärmedämmung zwischen den Sparren/Balken und ohne Hinterlüftung der Abdichtungsunterlage oder ohne Aufsparrendämmung haben sich als besonders schadensträchtig erwiesen.

Diese Informationen sind im ausdruckbaren Nachweis und dessen Abbildung nicht enthalten.

Die nachweisfreien Konstruktionen aus dem Merkblatt Wärmeschutz an Dach und Wand sind für den Anwender ein gutes Werkzeug. „Nachweisfrei“ bedeutet in dem Falle aber nicht, dass darüber hinaus keinerlei Berechnungen oder Überlegungen angestellt werden müssten. Es gilt, das große Ganze im Blick zu behalten – aber auch ergänzende Informationen aus dem Fließtext des Merkblattes zu berücksichtigen.

An dieser Stelle der Hinweis auf einen Fehler in der Abb. 40 „Nachweisfreie Dächer mit Abdichtungen (ohne Konterlattenebene) – Luftdichtheitsschicht oberhalb der Tragkonstruktion“:

Gemäß Abbildung darf die raumseitige Wärmedämmung max. 20 % des Gesamtwärmedurchgangswiderstandes erreichen. Im Falle einer Massivholzdecke als Tragkonstruktion, die bereits einen verhältnismäßig hohen Widerstand gegen durchgehende Wärme aufweist, kann dies fatal sein. Hier ist die Tragkonstruktion bei der Berechnung der raumseitigen Wärmedämmung hinzuzurechnen. Andernfalls wäre eine kritische Taupunktverschiebung nicht auszuschließen. Der ZVDH bzw. der zuständige Fachausschuss ist sich dessen bewusst und wird schnellstmöglich nachbessern.

Die Begrifflichkeit, dass Bauteile keinen bauphysikalischen Nachweis benötigen bzw. „nachweisfrei“ sind, wird primär in der DIN 4108-3 geprägt. Das Dachdeckerhandwerk hat dies so in sein Merkblatt übernommen. Nachweisfrei heißt aber in dem Falle nicht frei von jeglichen Berechnungen und Überlegungen...

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Kritische Taupunktverschiebung ist nicht auszuschließen
Kritische Taupunktverschiebung ist nicht auszuschließen