Mehr als ein Schuljahr zurück
von Harald Friedrich
8.10.2026

Bei allen schlechten Nachrichten zu den Ergebnissen der PISA-Erhebung 2025: Wir sind schlechter geworden – aber wir sind dabei nicht allein. Doch das kann allenfalls ein schwacher Trost, aber keine Beruhigung sein.
Mit der Studie der OECD – kurz PISA 2025 genannt – soll wissenschaftlich untersucht werden, was Schüler in den Bereichen Naturwissenschaften, Lesekompetenz, Mathematik und computergestütztes Problemlösen wissen und wie gut sie dieses Wissen im realen Leben anwenden können. Mehr als 760.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren nahmen in 91 Ländern der unterschiedlichsten Volkswirtschaften weltweit teil.
Weitgehend stabil blieben die Ergebnisse im Vergleich zu PISA 2015 in den Naturwissenschaften. Genauer gesagt: In den Nicht-OECD-Ländern zeigt sich ein nahezu unverändertes Bild, während die Ergebnisse in den OECD-Ländern absanken.
Auffallend ist der Leistungsrückgang in der Mathematik. Besonders im OECD-Raum ist ein Absinken der Punktezahl um 22 Punkte zu verzeichnen. Das entspricht mehr als einem Schuljahr.
Schlimmer geht nimmer? Doch: Bei der Lesekompetenz verzeichneten die Ergebnisse in den Nicht-OECD-Ländern einen Rückgang um 16 Punkte. In den OECD-Ländern darf getrost sogar von einem „freien Fall“ um 28 Punkte gesprochen werden. Dabei ist gerade die Lesekompetenz von enormer Bedeutung beim Erfassen von Zusammenhängen, deren Bewertung, Interpretation und Reflektion.
Ein Kernsatz in der Zusammenfassung der PISA-Studie 2025 ist hart, aber wahr: „Im OECD-Raum gelten inzwischen 20 % der 15-jährigen Schüler*innen in allen drei Kompetenzbereichen als leistungsschwach… Diesen Schüler*innen fehlen die nötigen Grundkompetenzen, um in der weiterführenden Bildung, im Beruf und im Alltag erfolgreich zu bestehen“.
In Naturwissenschaften bestehen enorme Schwierigkeiten, einfache Daten zu interpretieren oder Belege in einer Grafik zu finden. Bei der Lesekompetenz fällt es schwer, selbst einfache Texte zu verstehen. In Mathematik bereitet es den Schülerinnen und Schülern Schwierigkeiten, den Zusammenhang zwischen Menge und Preis zu erschließen.
Das sind Aufgaben, die im Lebensalltag regelmäßig vorkommen - vom Lebensmitteleinkauf bis zum Lesen und Verstehen einer Stromrechnung. Es geht also nicht um höhere Mathematik, sondern um grundlegende Kompetenzen.
Wohlgemerkt: Diese Schülerinnen und Schüler leben nicht in Kriegsgebieten oder in Ländern ohne Infrastruktur, sondern in OECD-Ländern der oberen und mittleren Einkommensgruppe. Sie haben neun oder zehn Jahre formale Bildung absolviert. Somit gehören sie im weltweiten Vergleich zu den „Privilegierten“.
Diesen Leistungsabfall mit der Corona-Epidemie und den in dieser Zeit geltenden Ausnahmezuständen zu rechtfertigen, schlägt fehl. Ursachen sind vielmehr die verringerte „Lust am Lesen zum Vergnügen“ und die längeren Bildschirmzeiten vor den digitalen Medien. Dazu kommt die Neigung, nur noch kurze Texte zu erfassen. Schnelles Überfliegen der Texte führt zu schnellen, falschen Antworten. Und das in einer Zeit der Informationsüberflutung.
Das Fatale ist, dass die verringerte Lesekompetenz automatisch zu einer Verringerung der Kompetenzen in den Naturwissenschaften und der Mathematik führt.
Die Lösungsansätze liegen in Lehrplaninhalten, Unterricht und Leistungsmessungen. Sie müssen zwingend ineinandergreifen. Besonders wichtig ist, dass der Unterricht frei von vermeidbaren digitalen Ablenkungen ist. Eine nicht unterrichtsbezogene Nutzung von Mobiltelefonen und anderen Geräten muss eingeschränkt bzw. unterbunden werden.
Von wesentlicher Bedeutung ist auch, dass die Bildungssysteme stärker in die Tiefe als in die Breite gehen. Also lieber eine begrenzte Zahl zentraler Unterrichtsinhalte zu vermitteln, dass sie tatsächlich beherrscht werden, als oberflächlich eine lange Themenliste abzuarbeiten.
Eingegangen wird in der Ergebniszusammenfassung der Studie auch auf die Künstliche Intelligenz KI: Sie ist zunehmend Bestandteil des Unterrichts. Dabei sollte KI aber gezielt für Feedback und personalisierte Übungen eingesetzt werden. Damit kann sie das aktive, eigenständige Lernen ergänzen, anstatt es zu ersetzen. Schließlich entsteht ein echtes Verständnis von Unterrichtsinhalten nur durch eigenes Denken - und nicht wenn ein KI-Tool das Denken übernimmt bzw. den Schülern das Denken abnimmt.
Gerade in Deutschland muss zwingend eine bundesweite Schulpolitik mit bundesweit einheitlichen Lehrplänen und Prüfungen betrieben werden, anstatt einer föderalen Bildungshoheit. In der Praxis kann schon der Umzug einer Familie mit Kindern in ein anderes Bundesland über die Schulleistungen entscheiden. Eine Vorstellung, die kaum in eine EU-Welt oder gar eine globale Welt passt.
Um in der bayerischen Sprache zu bleiben: Hopfen und Malz ist dennoch nicht verloren. Beispielsweise hat es die Türkei gezeigt. Nach dem PISA-Schock von 2011 gelang es mit einer Reform der Bildungspolitik, die naturwissenschaftlichen Leistungen in nur zehn Jahren um 70 Punkte zu steigern. Das entspricht drei Schuljahren.
Eines der „Geheimnisse“ guter Leistungen ist Motivation: Neugier und Zielorientierung heißen die Stichworte. 57 % der Schülerinnen und Schüler finden es nämlich ganz und gar nicht langweilig, neue Dinge kennenzulernen. Und sogar fast zwei von drei der Befragten gaben an, sich sogar besonders anzustrengen, wenn die gestellten Aufgaben besonders herausfordernd sind. Das Bildungsniveau den Schülern anzupassen ist also der völlig falsche Weg.
Bemerkenswert ist auch, dass im Durchschnitt 62 % der Schülerinnen und Schüler großes Interesse daran zeigen, im Rahmen ihrer künftigen Berufslaufbahn einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Die Jugend ist also besser als ihr Ruf – was oft fehlt ist jedoch eine Lenkung und gezielte Förderung von Talenten.
Von Windrädern und Hühnern
Die Aufgaben, die an Schülerinnen und Schüler im Rahmen der PISA-Erhebungen gestellt werden, sind auch für nicht Hochbegabte durchaus lösbar. Hier einige Beispiele aus vorausgegangenen Studien und den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik, Computerwissen und Lesekompetenz:
1. Je höher die Lage der Windkraftanlage über dem Meeresspiegel ist, desto langsamer drehen sich die Flügel der Windkrafträder bei der gleichen Windgeschwindigkeit. Welcher der folgenden Gründe erklärt am besten, warum sich die Flügel der Windkrafträder an höher gelegenen Orten bei der gleichen Windgeschwindigkeit langsamer drehen?
A: Die Luft verliert mit zunehmender Höhe an Dichte.
B: Die Temperatur ist mit zunehmender Höhe niedriger.
C: Die Schwerkraft wird mit zunehmender Höhe geringer.
D: Es regnet mit zunehmender Höhe öfter.
2. Seit 1980 hat die Durchschnittsgröße 20-jähriger Frauen um 2,3 cm auf 170,6 cm zugenommen. Was war die Durchschnittsgröße einer 20-jährigen Frau im Jahr 1980?
3. Du hast Änderungen an einem Textdokument vorgenommen und möchtest sowohl die geänderte Datei speichern als auch die ursprüngliche Version des Textes behalten. Was tust du?
A: Ich wähle in der Textverarbeitung den Menüpunkt "Änderungen in einer neuen Datei speichern“.
B: Ich rufe in der Textverarbeitung den Menüpunkt "Versionsvergleich“ auf.
C: Ich speichere die geänderte Datei unter einem neuen Namen.
D: Ich verschiebe die Datei vor dem Speichern in ein anderes Verzeichnis.
4. In einem angenommenen Forum stellt Inge eine Frage: Ist es in Ordnung, meiner Henne Aspirin zu geben? Sie ist 2 Jahre alt und ich glaube, sie hat sich am Bein verletzt. Ich kann erst am Montag zum Tierarzt fahren und der Tierarzt geht nicht ans Telefon. Meine Henne scheint große Schmerzen zu haben. Ich möchte ihr etwas geben, damit sie sich besser fühlt, bis ich zum Tierarzt fahren kann. Was genau möchte Inge also wissen?
A: Ob sie einer verletzten Henne Aspirin geben kann.
B: Wie oft sie einer verletzten Henne Aspirin geben kann.
C: Wie sie wegen einer verletzten Henne einen Tierarzt kontaktieren kann.
D: Ob sie die Stärke der Schmerzen einer verletzten Henne bestimmen kann.

