Verantwortung als Unternehmenstool
von Harald Friedrich
3.12.2025

Ihr wohlverdienter Urlaub im Gebirge hat zwar nicht das ganze Leben von Hans und Jutta Spindler verändert. Aber er hat ein Nachdenken und Vordenken über ihr Unternehmen, die Spindler Dachdeckerei-Spenglerei GmbH ausgelöst, das bis heute nachwirkt.
„Wie sind wir eigentlich im Bereich der Nachhaltigkeit aufgestellt – und müssen oder können wir denn nicht mehr tun?“ Diese Frage stellten sich der Ingolstädter Betriebsinhaber und seine Ehefrau, Prokuristin im Familienbetrieb mit 20 Mitarbeitenden. Und sie blickten dabei auf die schmelzenden Gebirgsgletscher und in die Zukunft ihres Betriebs.
Diese Fragen ließen die beiden nicht los. Wochen später waren sie Teilnehmer eines Vortrags des Ingolstädter Beratungsunternehmens iCONDU.
Dabei ging es um die 17 Substainable Development Goals – kurz SDG – der Vereinten Nationen. Dies sind 17 Nachhaltigkeitsziele, zu denen sich Staaten weltweit bekennen.
„Das müsste doch auch im Kleinen – auf unseren Betrieb und unsere Tätigkeiten und Ziele – übertragbar sein“, so die Überlegung des Unternehmer-Ehepaars aus Ingolstadt.
Im Frühjahr 2022 wurde der gesamte Mitarbeiterstab im Rahmen eines Workshops in diese Zukunftsvision eingebunden. Die anfängliche Skepsis legte sich im Rahmen eines Planspiels zu den SDGs der iCONDU: In ihren Rollen als Ärzte, Fischer, Landwirte, Lehrer etc. erkannten alle sehr schnell, dass jedes einzelne SDG Einfluss auf eines oder mehrere andere dieser Ziele hat. Im nächsten Workshop wurden die 17 SDGs analysiert im Hinblick auf ihre Bedeutung für das eigene Unternehmen und das eigene Handeln. Alle SDGs wurden für das Unternehmen definiert. So wurde z. B. aus dem UN-Ziel „Keine Armut“ das Unternehmensziel „Familienwohl“. Aus dem UN-Ziel „Hochwertige Bildung“ wurde das Spindler-Ziel, dass jeder Mitarbeitende die Möglichkeit zur fachspezifischen und persönlichen Fortbildung hat. Aus „nachhaltigem Konsum und nachhaltiger Produktion“ kristallisierte sich für den Ingolstädter Dachdeckerbetrieb das Ziel „Ressourcenschonung“ heraus. Sehr schnell wurde klar, wo der Dachdeckerbetrieb bereits gut aufgestellt und wo Nachhol- oder Weiterentwicklungsbedarf besteht.
Mitbestimmung und Transparenz gehörte schon immer zum Spindler-Konzept. Und so war sich das gesamte Team bald einig, dass eine Gemeinwohlbilanzierung die werteorientierte Weiterentwicklung des SDGs sein musste. Es wurde eine Gemeinwohl-Matrix erarbeitet, die Berührungsgruppen und Werte erfasst.
Einige der selbst gesetzten Ziele konnten schnell umgesetzt werden. So beispielsweise Gesundheitstage für alle Mitarbeitenden. Die Palette reicht von Rückenkraftmessungen über Workshops zu Persönlichkeitsmodellen bis zur Wissenvermittlung zu Lebensmitteln und der gemeinsamen Zubereitung einer gesunden Brotzeit. Getränke und Catering für Veranstaltungen werden ausschließlich von lokalen Anbietern bezogen und dabei größter Wert auf gesunde Produkte gelegt. Auf dem Dach des Betriebsgebäudes wurde eine PV-Anlage errichtet, eigene Bienenstöcke sichern die Honig-Produktion aus der eigenen Imkerei. Ein vernachlässigtes Beet vor dem Betrieb wurde zum Blumenmeer für die Bienen. Ein überdachter Fahrradstellplatz mit einer PV-Anlage und der Lademöglichkeit für E-Bikes wurde gebaut, um nur einige Beispiele zu nennen. Ebenso wurde transparent dargestellt und hinterfragt, ob und wie Unternehmenserträge dem Gemeinwohl dienend verwendet werden können.
Um auch wirklich SDG-konforme Produkte anzubieten und zu verbauen, wurden die Hersteller und Lieferanten genauer unter die Lupe genommen: Werden bei der Produktion die Menschenrechte geachtet und sind die Produkte einschließlich ihrer Lieferkette nachhaltig?
Auch wenn ein relativ kleiner Verarbeiter wenig Einfluss und Druckmittel gegenüber seinen Herstellern und Lieferanten ausüben kann – er kann mit seiner Produktauswahl Zeichen setzen.
Um mehr über Themen wie die Kreislaufwirtschaft zu erfahren und individuelle Nachhaltigkeitsproblematiken zu diskutieren, nahmen Hans und Jutta Spindler an Solution Labs der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Ingolstadt IFG teil. Dabei wurde im größeren Kreis z. B. über das nachhaltige Bauen diskutiert und Lösungswege aufgezeigt. Zusätzlich konnte über die Peergruppen der Kontakt zur TH Ingolstadt/Neuburg hergestellt werden. Hier stellte sich auch Jutta Spindler den Fragen von Studierenden, wie die Gemeinwohlökonomie weg von einer ideologisch linken Orientierung in die Mitte der Gesellschaft gebracht werden kann.
Von der Gemeinwohl-Matrix über die Selbsteinschätzung und Umsetzung der einzelnen Maßnahmen zur Erreichung der Ziele – oder zum Näherkommen an die Ziele – war es ein zeitintensiver Weg. Die erste Gemeinwohlbilanzierung wurde von einer Peergruppe unter Betreuung von zwei Beratenden der Gemeinwohlökonomie Deutschland beurteilt und zertifiziert. Damit war Mitte 2023 ein großer Schritt erreicht:
Der Spindler Dachdeckerei - Spenglerei GmbH wurde das GWÖ-Logo verliehen. Aktuell läuft das nächste Audit – diesmal extern.
Für Hans und Jutta Spindler steht beim Rückblick fest: „Es war natürlich viel Arbeit, aber es hat sich gelohnt – für uns als Unternehmenskonzept und Fahrplan für die Zukunft, für unsere Mitarbeitenden, für die von uns beratenen und betreuten Kunden. Und vor allen Dingen für das Gemeinwohl“.
Zur Nachahmung empfohlen oder für Kleine zu groß? „Auf jeden Fall zur Nachahmung empfohlen, denn die Gemeinwohlbilanzierung ist – auch durch ihre Nachprüfbarkeit – gerade für kleine und mittlere Unternehmen geeignet und die Anforderungen werden der Betriebsgröße entsprechend angepasst“, so Jutta Spindler. „Langfristig wird kaum ein Betrieb auf einen Nachhaltigkeitsbericht verzichten können, denn auch Banken müssen inzwischen für Kreditvergaben entsprechende Nachweise einfordern.“
Dachdeckerei Spindler - Nachhaltigkeit



