„Wir müssen das Zuhören lernen“
von Harald Friedrich
7.8.2026

Es war ein Experiment – für die ARD-Sender, aber ebenso für die Teilnehmenden: Was Deutschland verbindet, war nicht nur der Titel des Formats, sondern auch die Erkenntnis nach zwei Drehtagen.
Im Frühjahr 2026 kontaktierte der Hessische Rundfunk hr als Organisations-Team für die geplante Dialogrunde die Pressestelle des LIV Bayern und bat Harald Friedrich um Unterstützung. Gesucht wurden Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine Dialogrunde, die Deutschland (re-)präsentieren sollte. Es ging der ARD dabei also nicht um Funktionäre, Sprecher oder Verbandsvertreter, sondern „Menschen wie Du und ich“.
Den Tipp und den Kontakt zum hr gab Harald Friedrich an Jutta Spindler aus dem PR-Ausschuss des LIV Bayern und die Kontaktdaten von ihr an den Sender weiter.
In drei Castings – vom ersten Telefonat bis zu einer Videokonferenz – erfolgte die Auswahl der 84 Teilnehmer an diesem Format, die einen bunten Querschnitt durch die Mentalität, Meinungsvielfalt und Demografie von 84 Mio. Einwohnern Deutschlands darstellen sollten.
Parallel in Baden-Baden und Leipzig fanden die Dreharbeiten an einem Wochenende im Mai in den Sender-Studios statt. Die Vorgaben für die Teilnehmenden waren streng: Keine Smartphones, keine Begleitpersonen während der beiden Tage. Bei der Kleidung wurde streng darauf geachtet, dass an beiden Drehtagen das absolut gleiche Outfit getragen wurde, um den späteren Zusammenschnitt der insgesamt fast 20 Aufnahmestunden zu erleichtern.
„Selbst in den Drehpausen war die Kamera dabei“, erinnert sich Jutta Spindler.
Für sie war eine Erkenntnis besonders faszinierend: „Wir haben alle gelernt, zuzuhören, auch andere teilweise sehr konträre Ansichten und Einstellungen und ihre Ursachen zu erkennen und zu verstehen“.
Die gesamten Gesprächsrunden in beiden Studios fanden zeitgleich statt – teilweise auch mit Live-Zuschaltungen. Und es gab in diesen Runden keine klassische Moderation.
„Plötzlich können jeweils 42 Menschen anderen zuhören, sie ausreden lassen, sie und ihre Motivation und Lebenssituation auch verstehen – das war eine faszinierende Erfahrung“, so Jutta Spindler.
Die Themenauswahl gab ein Gesprächsleiter als Schlagwort vor – spontan und ohne, dass die Teilnehmenden sich auf das Thema vorbereiten konnten. Die Palette reichte von Wandel bis Demokratie.
Zusätzlich wurden Einzelinterviews mit den Teilnehmenden durchgeführt und auch Doppelinterviews mit Dialogteilnehmenden, die in der vorangegangenen Diskussionsrunde sehr gegensätzliche Ansichten vertreten hatten.
„Am meisten beeindruckt war ich von einer alten Dame in unserer Runde“, so Jutta Spindler. „Sie meinte, es bringe doch nichts, immer auf ,die da oben‘ zu schimpfen“. Besser sei es doch wohl, im eigenen Umfeld zu beginnen, miteinander zu sprechen, sich zuzuhören und ausreden lassen, auch andere Meinungen einfach mal zu respektieren und über diese nachzudenken.
Nachdenklich wird Jutta Spindler, wenn sie über die Schilderung einer anderen Dialog-Teilnehmerin nachdenkt – einer Rollstuhlfahrerin: „Was für uns selbstverständlich ist – jederzeit in einen Zug einsteigen zu können – muss eine Rollstuhlfahrerin bei uns in Deutschland planen: Zwei Tage vor dem Besteigen der Bahn muss sie ihre Bahnfahrt anmelden“. Diese Schilderung sorgte nicht nur bei ihr für Kopfschütteln und für Grübeln.
Ob ein solcher Dialog auch für den eigenen Betrieb oder das Handwerk denkbar wäre? Jutta Spindler: „Auf jeden Fall, denn das fehlt oft und übrigens gerade in der Politik: Wir haben es leider wohl schon verlernt zuzuhören ohne den anderen zu unterbrechen, auch andere Meinungen zu akzeptieren und zu verstehen, wie andere zu anderen Meinungen und Einstellungen gekommen sind“.
Für Jutta Spindler waren die beiden Drehtage nicht nur eine wertvolle Erfahrung und Bereicherung und ganz und gar keine „Eintagsfliege“. Entstanden ist aus diesem „Erfahrungs-Wochenende“ schon jetzt eine eigene WhatsApp-Gruppe der Teilnehmenden mit intensivem Kontakt und weiterem Meinungsaustausch.




